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Hilfe heißt Protest - Solidarität mit Rumänien


Ungenierte Lügen

ND: Tatsachen sprechen für sich
ND: Tatsachen sprechen für sich

 

Ende der 1980er Jahre mangelt es nicht an Versuchen der DDR-Führung, ihre Haltung gegenüber Rumänien vor der eigenen Bevölkerung zu rechtfertigen. Auch die SED schickt Korrespondenten nach Rumänien, die auf ihren Reisen jedoch zu ganz anderen Eindrücken kommen:
„Außerordentlich positiv […] wirke sich die vollständige Rückzahlung der Auslandsschulen Rumäniens auf die Lage des Landes und nicht zuletzt auf das Denken seiner Bürger aus. […] In Gesprächen […] wurde immer wieder auf die Ergebnisse allseitiger Zusammenarbeit mit unserem Land verwiesen.“

Rumänien liegt innerhalb der kleinen bereisbaren Welt der DDR. Offizielle Nachrichten werden damit überprüfbar.

PDF Download: Situation in Rumänien. Bild: vusta/iStockphoto „Ich habe mir den Vorschlag zu Herzen genommen und bin nach Rumänien gefahren.“
Als Eingabe formuliert werden eigene Erlebnisse denen des SED-Korrespondenten gegenübergestellt und es wird eine Änderung der Politik gefordert. Das Antwortschreiben relativiert die Verhältnisse, denn im historischen Kontext gesehen, hätte sich in Rumänien eine ganze Menge entwickelt. (Quelle: ABL)

Anstehen vor einem Lebensmittelladen in Bukarest, 1986. Quelle: Privat

 

Mitgeschickter Kaffee und ZigarettenDas Versenden von Paketen wird eine Form der direkten Hilfe. Doch Zollbestimmungen beider Länder erschweren die selbstorganisierte Unterstützung. Rumänen müssen ein internationales Paket „freikaufen“. Die dafür nötigen 70 Lei entsprechen 26 DDR-Mark. Mitgeschickter Kaffee und Zigaretten (gefragt ist „Kenton“) dienen deshalb als Zahlungsmittel, da das Paket in jedem Fall beim rumänischen Zoll ausgepackt werden muss.


PDF Download: Informationsblatt. Bild: vusta/iStockphoto „Beispielpaket mit Übersetzung“
Mit Flugschriften informiert man sich gegenseitg über das Procedere und den erlaubten Inhalt einer Paketsendung nach Rumänien.
(Quelle: ABL)

 

Internationaler Solidaritätstag am 15.11.1988

Plakat: Wir rufen zu einem AKTIONSTAG RUMÄNIEN in Ost und West auf! Quelle: iStockphoto/hronos7

Am 15. November 1988, zum ersten Jahrestag der Arbeiterproteste in Braşov, rufen verschiedene europäische Menschenrechtsgruppen und Exil-Rumänen zu einem weltweiten Aktionstag gegen die rumänische Diktatur auf.

Plakat: Aufruf zu einem weltweiten Aktionstag gegen die rumänische Diktatur (Quelle: ABL)

In der Wahrnehmung der Menschen hat das Bündnis zwischen Honecker und Ceauşescu Symbolcharakter gegen jedwede Veränderung in der DDR. Solidaritätsaktionen mit dem rumänischen Volk werden dadurch automatisch zu oppositionellen Handlungen gegen die SED. Aktionsorte sind kirchliche Räume und die Kommunikation kann nur in den Zeitschriften des Untergrundes stattfinden. Darin finden sich auch kritische Stimmen, nämlich inwieweit ein Engagement für Rumänien „echt“ sei oder nur dem oppositionellen Ego gegen die DDR diene.

Zeitschriften des Untergrundes (Quelle: ABL)

Der Aktionstag bringt deutsch-deutsche Kulturprojekte „von unten“ zusammen. So findet u.a. unter dem Titel „Europäische Normalität?“ eine zeitgleiche Fotoausstellung in West-Berlin und Potsdam statt.

Ausstellung Europäische Normalität? (Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft)

 

PDF Download: Protesterklärung. Bild: vusta/iStockphoto „Wir dürfen nicht schweigen!“
Bereits am 29.10.1988 findet in Leipzig ein „Tag der Solidarität mit Rumänien“ statt. Dabei wird eine Protesterklärung erarbeitet, die von 89 Teilnehmern unterzeichnet wird. Das Schreiben findet Verbreitung in Ost und West. Am 27.1.1989 findet hier ein zweiter „Leipziger Rumänientag“ statt. (Quelle: ABL)

Eine Mobilisierung erfahren die Aktionen durch die gleichzeitig stattfindende Friedensdekade der evangelischen Kirche und dem angekündigten Besuch Ceauşescus in der DDR zwei Tage später.

Veranstaltungen mit größerer Ausstrahlung finden in vielen Städten der DDR statt.

Dieses Engagement und diese Anteilnahme erklären das große Interesse von DDR-Bürgern am rumänischen Schicksal im Dezember 1989.

 

Neue Möglichkeiten gegen Ceauşescu

Quelle: ABL / M. Kellermann

Mit dem Machtverlust der SED im Zuge der Herbstdemonstrationen 1989 verschwindet eins der zwei politischen Hemmnisse für eine direkte Hilfe nach Rumänien. Bereits ab November werden neue Hilfslieferungen unternommen und das Ceauşescu-Regime jetzt offen bekämpft.

 

Anlässlich des 2. Jahrestages des Aufstandes in Braşov ziehen am 15.11.1989 ca. 300 Demonstranten vor die rumänische Botschaft in Berlin. Aufgerufen hatte dazu der Berliner Verband der Bildenden Künstler.
Anlässlich des 2. Jahrestages des Aufstandes in Braşov ziehen am 15.11.1989 ca. 300 Demonstranten vor die rumänische Botschaft in Berlin. Aufgerufen hatte dazu der Berliner Verband der Bildenden Künstler.Quelle: Bundesarchiv
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Wartburg TouristBereits im September 1989 planen Hermann Beleites und sein Neffe Johannes einen Hilfstransport nach Siebenbürgen. Im „Wartburg Tourist“ wollen sie Freunden und Bekannten vor dem Winter Lebensmittel bringen. Gleichzeitig haben sie Material von Amnesty International im Gebäck, als am 10. November 1989 die Reise beginnt.

Berliner Mauer am Brandenburger Tor | Quelle: Bundesarchiv
Die sich überschlagenden Ereignisse halten die beiden nicht auf. Die Nation tanzt auf der Mauer und Zwei fahren nach Rumänien – nach wie vor beherrscht vom Ceaușescu – Clan.
Das Verhängnis passiert auf der Rückreise. Die rumänischen Grenzer finden Schriften von Amnesty International, z.T. in rumänischer Sprache. Es beginnt eine ungewisse Tortur im Securitate-Gefängnis.

Johannes Beleites: Wir müssen den Winter überleben und dann irgendwie abhauen. Johannes Beleites: „Wir müssen den Winter überleben und dann irgendwie abhauen.“
Im Securitate-Knast schwindet die Euphorie des Aufbruchs. Der 22-jährige setzt sich mit der Möglichkeit von angedrohten zehn Jahren im rumänischen Gefängnis auseinander. (Quelle: ABL)

PDF Download: Projektgruppe Menschenrechte. Bild: vusta/iStockphoto „Seit dem 19.11.89 werden Hermann und Johannes Beleites vermißt.“
Freunde sorgen für eine Öffentlichkeit. Sie organisieren Petitionen an deutsche und rumänische Ministerien.
(Quelle: ABL)

Nach 9 Tagen in Haft können beide ausreisen.
Im Februar 1990 ist Johannes Beleites wieder in Siebenbürgen - ein Wiedersehen in Freiheit.